Auf die Matte gekommen

Auf die Matte gekommen

Auf die Matte gekommen, Frühling 1995

(Auszug aus meiner Diplomarbeit „Die Fußmatte im öffentlichen Raum“ an der Hochschule für bildende Künste Hamburg 2001)

[…] Ich öffnete die Tür… In Gedenken an Frau Reis und an Frau Grothkopf, die mich auf die Fußmatte brachten, blicke ich zurück in meine Fußmattenvergangenheit. Die Existenz einer Fußmatte vor unserer Tür wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, als Frau Reis an unserer Tür klingelte. Ich öffnete die Tür und war sehr über ihren Besuch überrascht. Zu Wort kam ich erst nach drei Minuten, wobei ich dann auch nichts mehr zu sagen hatte. Aber diese drei Minuten haben mein Leben verändert! Frau Reis war der Kragen geplatzt. „Es ist zum Kotzen mit Ihnen, eine Schande für das ganze Haus! Hier kann man gar keinen Besuch mehr empfangen! Wir wohnen hier nicht in den Slums! Ich trage den ganzen Dreck in meine Wohnung!“ Noch war mir unklar, was sie eigentlich wollte. Als ich sie ruhig danach fragte, schrie sie: „Ihre Fußmatte! Schauen Sie sich mal Ihre Fußmatte an! Warum machen Sie eigentlich nie Ihre Fußmatte sauber? Mir kommt das Kotzen!“ Tatsächlich, wir hatten eine Fußmatte. Hallo Fußmatte, warum liegst du vor unserer Tür? Warum bist du denn so schmutzig? Warum mag dich denn Frau Reis nicht? Liegst hier so still und unscheinbar, Bürschchen, du hast es faustdick hinter den Ohren! Ähnlich verletzt fühlte sich Frau Grothkopf und stattete uns ebenfalls einen Besuch ab. Ihr war nicht nur die Fußmatte zu schmutzig, nein, sie machte unsere Fußmatte auch für den permanenten Dreck im Treppenhaus verantwortlich. Nach dem Stempelkissenprinzip verteilten Leute den Dreck unserer Fußmatte im ganzen Treppenhaus, meinte sie.

Was zwischen Frau Reis, Frau Grothkopf und uns lag, war unsere Fußmatte. Wir trampelten auf ihrer beider Lebensauffassung herum, und das nahmen sie uns natürlich krumm. […]

Ich, das Dreckstückchen von Frau Grothkopf und Frau Reis.

Die Fußmatten-Forschung beginnt …

Die Fußmatte, Heinz Spenkuch